Dominique Clarier  - YT 2a-hp2

Habe ich Ihnen schon von meiner Führerscheinprüfung erzählt?

Vorab für diejenigen unter Ihnen, die jetzt sofort an die Story denken, die Estella, meine Romanheldin aus dem Ovalyth, über ihre Führerscheinprüfung erzählt. Ja, ich gebe es zu. Es ist halb-autobiografisch. 

Zurück zu mir. Für meinen Fahrlehrer war ich ein Fall, bei dem er nicht viel Hoffnung hatte, dass ich das Lenken eines Fahrzeugs jemals vernünftig beherrschen würde. In der Theorie im Schulungsraum hatte ich keine Probleme, dafür am Steuer umso mehr. Einparken vorwärts: klasse, wie jede Frau. Einparken rückwärts auf dem Supermarktparktplatz: auch klasse. Einparken rückwärts am Bordstein: entweder halb drin, halb draußen oder einen halben Meter vom Bordstein weg.

28 Fahrstunden habe ich bis zur Prüfung gebraucht. (Der Netteste der Netten war mit weniger als der Hälfte davongekommen.)

Der große Tag war gekommen. Die Theorie habe ich mit links gemacht. 0 Fehler. Das war ja auch etwas, das ich mit Lernfleiß regeln konnte!

Dann ab nach draußen. Die Gerüchteküche kochte bereits über. Der Fahrprüfer sei ein ganz harter Hund, hieß es. Es seien an diesem Tag schon zwei Leute durchgefallen. Vor Fahrantritt würde er sich zuerst das Schuhwerk anschauen, und wehe, man hätte Schuhe mit Absatz an. Dann wäre sofort Finito!

Ich schaute auf meine Treter: flacher Absatz! Wenigstens etwas!

Das Gerücht stimmte. Der Fahrprüfer ließ sich zuallererst unsere Schuhe zeigen. Bei meinen nickte er andeutungsweise und ließ mich gleich ans Steuer. Ich hatte eigentlich gehofft, als Zweite dranzukommen.

Die Fahrt verlief komplikationslos. Keine Übertretung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit. Am Stoppschild immer schön anhalten, bis alle vier Räder zum Stillstand gekommen waren. Und das Wichtigste: immer wie eine Bekloppte in den Rück- und in den Außenspiegel gucken. Dann das Einparken. Ich musste auf den Parkplatz am Bahnhof. Rückwärts einparken. Es klappte super. Ich entspannte mich, weil ich glaubte, das Einparken hiermit abgehandelt zu haten. Zu früh, wie ich eine Minute später erfuhr.

Der Fahrprüfer ließ mich einmal ums Eck fahren und dann die lange Straße ansteuern, die ich heute noch hasse. Die Straße, die zum Bahnhof führte und auf der um diese Uhrzeit stets eine Parklücke am Bordstein frei war. Die Parklücke, die er ausgesucht hatte, war für ihn vielleicht normal groß, für mich jedoch sah sie aus, als sei sie kleiner als das Auto, das ich hineinsteuern sollte. Gedanklich verabschiedete ich mich bereits von meinem Führerschein. Natürlich gab ich trotzdem mein Bestes. – Es klappte. Ich stand perfekt. Und das, ohne noch einmal vor- und zurückzusetzen.

Und dann sagt der Mann von der Rückbank doch tatsächlich: »Glauben Sie, dass Sie richtig stehen?«

Natürlich glaubte ich das. Hey, das war das beste Einparken, das ich jemals hinbekommen hatte! Perfekte Position zwischen dem Wagen vor und dem Wagen hinter mir und genau der richtige Abstand zur Bordsteinkante.

Sie denken jetzt wahrscheinlich: Warum fährt die Frau nicht einfach zur Schau noch einmal vor und zurück? Ist doch egal! Hauptsache, der Prüfer ist zufrieden. Genau das hat mein Fahrlehrer wohl auch gedacht. Entsprechend entgleiste sein Gesichtsausdruck, als er mich sagen hörte: »Ja!«

Dann war es wie beim Duell. Ich saß abwartend am Steuer und der Fahrprüfer stumm auf der Rückbank. Ich glaube, so etwas hatte er noch nicht so oft erlebt. Normalerweise bin ich auch nicht so. Ich bin die Nette, die Kooperative, die immer bereit ist, ihr Handeln zu hinterfragen. Aber das hier war etwas anderes. Es war zuzugeben, im Unrecht zu sein, nur weil der andere in der stärkeren Position war. In solchen Fällen reagiere ich ab und zu mal bockig, unabhängig von den Konsequenzen.

Heute bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob der Fahrprüfer mir überhaupt eins reinreichen wollte. Wahrscheinlich wollte er mir mit der Frage nur helfen, weil ich seiner Meinung nach noch nicht perfekt stand. Eine offene Aufforderung dürfen die wahrscheinlich den Prüflingen gar nicht geben.

Nun ja, zum Glück ließ er mich weiterfahren. In einem Wohngebiet musste ich dann nochmal ran an die Parklücke am Bordstein. Ich stand anschließend nicht annähernd so gut wie beim ersten Mal. Also fuhr ich einmal vor und zurück, um das Ergebnis zu korrigieren. Mein Fahrprüfer sagte: »Na also! Es geht doch!«, und ich bekam meinen Führerschein. – Jippie!

 

Zuruck06

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