Dominique Clarier  - YT 2a-hp2

Birte, 14 Jahre alt

26. April

Heute habe ich im Bus Martin einen Zettel zugesteckt. Es stand nur ein Satz drauf: Ich finde dich süß. - Jetzt ist er sauer.

Was haben die Jungen nur gegen „süß“? Die reagieren wie Bernd, wenn Tante Anna ihn zum Abtrocknen ruft.

27. April

Bin rübergegangen und habe Bernd gefragt. Er meinte, ‘süß’ sei niedlich, und kein Junge wolle niedlich sein.

Aber das hatte ich doch gar nicht gemeint. Ich meinte klasse, toll – süß eben. Bernd riet mir, Martin zu sagen, ich wolle mit ihm rummachen. Das käme bei Jungen immer gut an. Ich kann doch so etwas nicht zu einem Jungen sagen!

Davon abgesehen: Was genau ist eigentlich ‘Rummachen’? Ich habe Bernd gefragt. Er meinte, er müsse jetzt zum Training. Und dann war er weg.

28. April

Das mit dem ‘Rummachen’ lässt mir keine Ruhe. Ich werde Brigitte fragen. Die ist sechzehn und hat seit einem halben Jahr einen festen Freund. Die weiß das ganz bestimmt.

Brigitte wollte auch nicht so richtig raus mit der Sprache. Also habe ich behauptet, sie wisse es wohl auch nicht. Das zog! Sie meinte, Rummachen wäre Knutschen und Anfassen und sowas. Bei ‘sowas’ hat sie nach unten gesehen. Das kenne ich ja schon von Tante Anna. Also habe ich nachgehakt. Ich sei noch zu jung dafür, sagte sie. Pah! Brigitte hat mit vierzehn schon heimlich auf dem Klo geraucht. Da werde ich ja wohl alt genug für eine einfache Auskunft sein.

Was sie mir dann beschrieb, war ungeheuerlich. Das glaube ich nicht. Das habe ich ihr auch gesagt. Sie zuckte mit den Schultern und sagte, irgendwie müssten die Babys, die aus dem Bauch herauskommen, vorher schließlich hineinkommen.

29. April

Biologieunterricht. Meine letzte Chance. Heute haben wir mit der Entwicklung des menschlichen Lebens, wie das Buch es so schön nennt, begonnen. Die Eizelle war natürlich schon befruchtet. – Was hatte ich erwartet? Ich habe all meinen Mut zusammengenommen und mich gemeldet. Frau Benrat lief rot an. Der Lästerclub kicherte.

Die Befruchtung einer weiblichen Eizelle passiere dann, wenn eine männliche Samenzelle in sie eindringe, antwortete Frau Benrat.

„Und wie genau passiert das?“, habe ich gefragt.

Sie erzählte dann etwas davon, wie die Samenzelle die Zellwand der Eizelle durchstößt usw. Das wollte ich doch gar nicht wissen. Ich hakte nach. Frau Benrats Kopf war jetzt so rot wie Papas, wenn er sich über seinen Chef aufregt.

„Die Samenzellen gelangen zur Eizelle, wenn zwei Menschen sich in Liebe vereinigen“, antwortete sie. „Aber jetzt müssen wir mit dem Unterricht weitermachen.“ Sie drehte sich einfach um und zeichnete eine Eizelle an die Tafel. Die Eizelle teilte sich und teilte sich und teilte sich, bis es klingelte.

 

Papa und Mama kann ich nicht fragen. Die würden noch denken, ich wollte „rummachen“. Ich werde Tante Anna fragen. Schließlich hat sie vor sechzehn Jahren Bernd bekommen. Wenn Brigitte recht hat, dann muss Tanta Anna es getan haben.

1. Mai

Heute ergab sich die Gelegenheit. Ich fragte Tante Anna, ob es wahr sei, dass … Und dann wiederholte ich so in etwa das, was Brigitte gesagt hatte. Tanta Anna war ziemlich entsetzt.

„Woher hast du denn bloß solche Sachen?“, fragte sie.

„Aus dem Biologieunterricht“, log ich.

„Frage besser mal deine Mutter. Die ist für so was zuständig“, sagte sie und schaute auf ihre Füße.

Mir blieb die Spucke weg. Brigitte hatte die Wahrheit gesagt.

Ich werde nicht heiraten. Ich werde keine Kinder bekommen. Und ich werde schon mal gar nicht rummachen!

Als ich zu Hause war, nahm ich Brians Poster von der Wand. Das mit den sieben Kindern war ja schon die Härte. Aber vielleicht hätte ich ihn auf drei oder zwei herunterhandeln können. Aber der Rest! – Das kann er sich abschminken!

2. Mai

Die Tochter von Papas Kegelbruder muss heiraten. Papa hat es beim Abendessen erzählt. Damit sei leider zu rechnen gewesen, so gut, wie sie bereits mit vierzehn entwickelt war, meinte er.

„Wahrscheinlich fand sie den Jungen süß und hat sich rumkriegen lassen“, meldete ich mich zu Wort.

Papa schaute mich ganz eindringlich an.

„Lass dich bloß nicht mit Jungens ein!“, sagte er. „Zuerst machen sie dir schöne Augen und dann bringen sie dich in Schwierigkeiten. Warte, bis zu älter bist und einen anständigen Mann kennen lernst.“

„Keine Sorge“, gab ich zurück, „Jungens interessieren mich nicht.“

Dann bin zu Mama gegangen, habe sie umarmt und gesagt: „Danke, dass du das ertragen hast, nur um mich zu bekommen.“ Und zu Papa habe ich gesagt: „Mach dir keine Gedanken. Ich weiß, es hat dir keinen Spaß gemacht. Dafür bist du viel zu anständig.“

Ich denke, das hat ihn beruhigt.

4. Mai

Papa und Mama scheinen sich Sorgen zu machen, weil Jungen mich nicht interessieren. Ich habe es heute durch die angelehnte Schlafzimmertüre gehört.

Was denn jetzt?

Könnt ihr euch mal entscheiden?

6. Mai

Heute habe ich Martin in der großen Pause abgepasst und ihm gesagt, das mit dem ‘Süß’ täte mir leid. Es sei nicht so gemeint gewesen. Aber rummachen würde ich mit ihm auch nicht. Er könne die ganze Sache also vergessen.

Gut, dass ich das geklärt habe.

 

* * * Ende der Leseprobe * * *

 

© Dominique Clarier

www.dominique-clarier.com

 

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